Das ernestinische Wittenberg - Universität und Stadt (1486-1547)

Themenbereich Stadt

Die gebaute Stadt - sowohl ihre Struktur als auch die Einzelgebäude – können als ein Abbild der in ihr wirkenden gesellschaftlichen Kräfte sowie der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen aufgefasst werden. Um sich diesem komplexen und weitreichenden Beziehungsgeflecht anzunähern, bedarf es einer systematischen Auswertung aller zur Verfügung stehenden historischen Quelle – sowohl der schriftlichen als auch der baulichen – und einer engen fächerübergreifenden Zusammenarbeit von Archäologie, Bauforschung und den historischen Disziplinen.

Die Stadtstruktur und das Stadtbild Wittenbergs sind bis heute geprägt durch die im 15. und 16. Jahrhundert errichteten Gebäude – teilweise liegen diese verborgen hinter inzwischen umgestalteten Fassaden, in vielen Fällen sind die Spuren der Veränderungen nur noch im Untergrund, in den Kellern und durch archäologische Grabungen nachzuzeichnen. Ein Ziel des Forschungsprojektes ist die baulichen Veränderungen, die in Wittenberg im Zuge des Ausbaus zur Residenz, durch die Universitätsgründung sowie in Folge der Reformation stattfanden, mit den Methoden der Bauforschung und der Archäologie zu erforschen und im Kontext der politisch-sozialen Entwicklungen verständlich zu machen. Darüber hinaus gilt es zu klären, welche Einflüsse von außen in Wittenberg nachweisbar sind, wie sie umgesetzt wurden und welche Impulse von Wittenberg ausgingen.

Eine erste Möglichkeit zur Annäherung an das Erscheinungsbild und die Veränderungen in der Stadt bieten die überlieferten Stadtansichten und -pläne. Die beiden frühesten bekannten Stadtgrundrisse von 1623 und 1742 zeigen die Stadt bereits mit ihren Vorstädten, neben den öffentlichen Gebäuden sind die einzelnen Hausstellen – innerhalb der vier Stadtviertel und der Vorstädte jeweils fortlaufend nummeriert – dargestellt. Die Auswertung der Schossbücher und Urbarien ermöglicht eine parzellengenaue Zuordnung der Eigentümer - Grundlage für viele weitere Forschungen.

Zentrale Aufschlüsse für die Stadtentwicklung sind auch von einem Kellerkataster zu erwarten. Kelleranlagen können einem älteren als dem heute vorhandenen “überirdischen“ Baubestand angehören und somit Zustände vor dem frühesten bekannten Stadtplan überliefern. Die einzelnen Keller werden nach ihrer Lage, Größe, Form und baukonstruktiven Merkmalen unterschieden; anhand ihrer baulichen Entwicklung lassen sich außerdem Veränderungen in den Nutzungen feststellen, die als ein Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung Wittenbergs interpretiert werden können.

In den letzten 20 Jahren fanden zahlreiche archäologische Untersuchungen statt: viele dieser Grabungen berührten sensible Punkte der Stadtgeschichte wie die Stadtbefestigung, das Lutherhaus, den "Arsenalplatz" mit dem ehemaligen Franziskanerkloster, Wohnhäuser entlang der Bürgermeisterstraße, das Schloss einschließlich seines Umfeldes und den Markt. Die gezielte Auswertung des umfangreichen Fundmaterials ermöglicht einen neuen Blick auf die Alltagskultur des Untersuchungszeitraumes. Ziele der Auswertung sind einerseits die Datierung von Gebäudeteilen durch den archäologischen Kontext und eine Kartierung der Baureste der ernestinischen Zeit, die auf den Grabungen erfasst wurden. Andererseits sollen schriftliche Überlieferungen zu Alltagsleben und Wohnkultur durch die Untersuchung der realen Hinterlassenschaften verifiziert und ergänzt werden. Häufig ist es möglich, Funde früheren Besitzern der Hausstelle zuzuordnen, deren Berufe und soziale Funktionen durch andere Quellen überliefert sind.