Das ernestinische Wittenberg - Universität und Stadt (1486-1547)

Themenbereich Kirche

Das Begriffspaar „Stadt und Kirche“ steht in der historischen Stadtforschung nicht mehr als Gegensatzpaar. Vielmehr bezeichnet es einen Typ symbiotischer Gemeinschaft, deren Art und Weise des Mit- oder Gegeneinanders vor allem im Jahrhundert der Reformation jedoch für jeden Ort gesondert betrachtet werden müssen.

Die Charakterisierung als „Lutherstadt“ deutet unbewusst die untrennbare Gemeinschaft „Stadt und Kirche“ des historischen Wittenbergs an, die in der heutigen Gesellschaft kaum noch nachvollziehbar scheint. Zudem wurden bisher die kulturellen und sozialen Bedingungen, welche diesen Ort zum Ausgangspunkt der Reformation machten, ebenso wenig einer umfassenden wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen, wie die Rolle der Stadt in der Reformationszeit selbst.

An dieser Stelle setzt das LEUCOREA-Projekt an, in dem erstmalig versucht wird, einen Überblick über die städtischen Verhältnisse und deren Entwicklung im Verlauf der ernestinischen Herrschaftsperiode herzustellen und dabei so umfassend wie möglich alle Aspekte in diesem Werden zur „Wiege der Reformation“ zu beobachten.

Die Frage nach dem Verhältnis von kommunaler Stadtgemeinschaft und geistlichen Einrichtungen gehört zur Vervollständigung dieser Betrachtung. Denn in Wittenberg befanden sich mit der Theologischen Fakultät, dem Pfarrhaus Bugenhagens und der ersten deutschen Superintendentur nicht nur diejenigen Institutionen, die vorbildwirkend für die evangelische Kirche wurden, sondern auch schon vor der Zeit Luthers zahlreiche geistliche Einrichtungen, deren Bedeutung für die Reformation und deren „Geburtsort“ bisher noch nicht im Fokus moderner, wissenschaftlicher Untersuchungen lagen.

Unter diesen war das Augustiner-Eremiten-Kloster – die spätere Heimstadt des Mönches Martin Luther – die jüngste vorreformatorische Kircheninstitution. Schon seit der askanischen Zeit prägten das Chorherren-Stift an der Allerheiligen-Kapelle, das Franziskanerkloster und die älteste Einrichtung, die Stadtpfarrkirche „Unser Lieben Frauen“ neben Terminierhäusern auswärtiger Orden, das geistliche Leben vor Ort. Innerhalb des mittelalterlichen Bistums Brandenburg und der Erzdiözese Magdeburg spielte Wittenberg somit keine unbedeutende Rolle.

Zu wesentlichen Teilen partizipierten aber auch Laien, allen voran der ernestinische Landesherr und der Stadtrat am religiösen Leben vor Ort. Die neu aufgebaute durch den legendären Thesenanschlag berühmt gewordene Schlosskirche Allerheiligen diente als Stifts- und Hofkapelle, und später sogar als Universitätskirche. Die Landesherren bestimmten demensprechend in wesentlichem Umfang deren Ausstattung (Heilthum) und personelle Besetzung. An der Stadtpfarrkirche, in den Kapellen und den Hospitälern der mittelalterlichen Stadt organisierten u. a. Laien-Bruderschaften das religiöse Leben, welche sich analog der Zunftgenossenschaften zur gegenseitigen Fürsorgeverpflichtung und zum gemeinsamen Totengedenken zusammenschlossen und dafür zahlreiche Altäre und geistliche Stiftungen unterhielten. Die Schüler der Wittenberger Schule gestalteten als Sänger geistlicher Choräle und Psalmen sowohl die Abendmahlsmessen, wie auch die Prozessionen an besonderen Feier- und Festtagen aus. Der Stadtrat fungierte u. a. als Verwalter über einen Großteil der Stiftungen.

Innerhalb des Themenbereichs „Stadt und Kirche“ wird aktuell folgenden Fragestellungen nachgegangen:

Inwieweit werden bürgerliche und stadtpolitische Interessen und zeitgleich die religiös-geistlichen Belange der Stadtgemeinde Wittenberg ausgefüllt? Welchen Einfluss haben dabei der weltliche Landesherr oder die zuständigen Bischöfe ausgeübt?

Wie war das Schul- und Bildungswesen in Wittenberg vor der Gründung der Leucorea und zur Zeit der Reformation organisiert und ins das städtische und religiöse Leben eingebunden?

Welchen Einfluss auf das religiöse Alltagsleben hatten laikale und geistliche Bruderschaften an der Stadtpfarrkirche "Unser Lieben Frauen" und der "Allerheiligenkirche"?

Weiterführende Untersuchungen betreffen die kommunalen Hospitäler Wittenbergs als schon lange vor der Reformation existierende Institutionen, deren Hauptzweck die Armenfürsorge war.

Wie entwickelte sich die Kunst und Kultur vor Ort unter dem Einfluss des vielfältigen religiösen Lebens? Einen speziellen Schwerpunkt bilden dabei Bauentwicklung und Ausstattung der Kirche und Kapellen sowie der sonstigen von geistlichen Einrichtungen genutzten Gebäude in der Stadt und im nahen Umland. Darunter auch solche, die heute nicht mehr existent aber dennoch für Wittenberg nachweisbar sind. Ein weiteres Augenmerk gilt außerdem der Frage, wie Ansiedlung und Ausbau von Superintendentur, Pfarrhaus, Schulen, Fronleichnamskapelle sowie anderer Gebäude die Bebauung am Kirchplatz veränderte und verdichtete. Waren Kirchplatz und Marktplatz schon im Mittelalter voneinander abgegrenzt?